Wohnen im Tiny House – Interview mit Leopold Tomaschek

Heute berichtet uns Leopold Tomaschek von seinem Hausbau und dem Leben im Tiny House.
Er verrät uns, wie er zu der Idee kam, sich sein Tiny House zu bauen. Außerdem gibt er viele Tipps, worauf du dich einstellen musst, wenn du in einem Tiny House leben möchtest. Auf seiner Webseite findest du Infos über sein Tiny House.

Tiny House Wanderlust Leopold
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Hallo Leopold!
Wie bist du auf das Thema Tiny Houses gestoßen? Was macht für dich die Faszination an diesen kleinen Häusern aus?
Leopold:
Ich bin Schüler der Freien Schule Hitzacker, die eine Waldorfschule ist. Bei uns muss jeder Schüler der 12. Klasse ein Thema oder ein Projekt ein ganzes Jahr lang bewegen und darüber eine Arbeit schreiben. Es gibt sowohl einen umfassenden schriftlichen Teil, eine öffentliche Präsentation samt Vortrag und einen praktischen Teil dieser Arbeiten.

Ich hatte mir erst einen sehr theoretischen Ansatz in der Musikwissenschaft gesucht, bin mir dann jedoch bewusst geworden, dass ich als Schüler schon genug Theorie im Kopf wälze und ich eigentlich lieber eine Jahresarbeit machen würde, bei der der praktische Teil überwiegt.

Meine Freundin und ich kannten zu diesem Zeitpunkt, Dezember 2015, die Tinyhouses seit wenigen Wochen von Bildern aus dem Internet und eines Abends. Als wir uns über unsere Projektwahlen unterhielten meinte sie scherzhaft: „Bau doch ein Tinyhouse…“ Ich habe allerdings den Scherz nicht verstanden und war angefixt. Nach ungefähr zwei Wochen Recherche und viele Phantasien später war dann klar: „Ich mach das tatsächlich“.

Um meine Begeisterung für Tinyhouses zu beschreiben muss ich ein bisschen früher anfangen. Ich habe schon als kleines Kind immer Grundrisse gezeichnet, mir irgendwelche Pläne gemalt und wilde Ideen gehabt. Ein grundlegendes Interesse an der Architektur war demnach schon vorhanden.

Von Anfang an hat mich das Potenzial der Tinyhouses als Form des künstlerischen, ökologisch – und sozialen Statements fasziniert. Ich wollte nicht einfach nur Protestieren wie es mir hier im Wendland bei den Castortransporten wohl schon in die Wiege gelegt worden war, sondern informieren und zeigen, dass man Dinge selbst, als einzelner kleiner Mensch dieser Gesellschaft, aktiv verändern kann. Das geht natürlich nur wenn man neue Dinge ausprobiert und genau da saß für mich der Knackpunkt zu beschließen, ein Tinyhouse zu bauen.

Ein Tinyhouse kann für vieles stehen, sei es einfach für das eigene, kuschelige Zuhause oder wie in meinem Fall für eine Aussage. Ein Tinyhouse schafft Bewusstsein für Wohnungsnot in Ballungszentren die besonders junge Menschen, Studenten aber auch Rentner betrifft.

Selbstverständlich sind auch andere Gruppen betroffen. Des Weiteren können Tinyhouses ein Augenmerk auf Umweltbewusstes Wohnen legen, die Natur weniger belasten, ressourcenschonendes Bauen, eventuell Autarkes leben, materiellen Minimalismus und damit auch die Konsumforschung ansprechen.

Es zeigen sich inzwischen viele unterschiedliche Ansätze die sich in der Tinyhousebewegung vereinen lassen. Ich sage deswegen „inzwischen“ weil das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht abzusehen war. Damals ging es für mich um ein ökologisches Haus, dass eine alternative Wohnform zeigt, die die Natur sehr geringfügig belastet und durch den einhergehenden bewussten Konsumverzicht bis zu einem gewissen Grad auch sozialkritisch ist. Außerdem war für mich als junger Mensch der auch studieren wird und sich der Mietpreise bewusst ist, der finanzielle Mehrwert ein positives Argument.

Sicherlich sind Tinyhouses nicht der Weg zur ultimativen Lösung unserer Probleme wie der Wohnungsnot oder einem regelrecht betäubenden Konsumrausch, den Anspruch erheben sie aber auch gar nicht finde ich. Mein Tinyhouse soll nett verpackt ein Bewusstsein für die Dinge schaffen, die durch ihre Singularität Gefahr laufen, marginal zu werden. Generell betrachtet sind Tinyhouses außerdem ein toller, riedlicher Weg als Bürger zu zeigen, dass es gewisse Bedürfnisse und Probleme gibt, die zur Zeit durch Politik und Gesellschaft mehr Beachtung verdienen.

Tiny House wanderlust
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Warum hast Du Dich zu einem Leben im Tiny House entschlossen? Seit wann lebst Du in Deinem Tiny House? Hat Dein Tiny House einen Namen?
Leopold:
Ich wohne nun seit circa 5 ½ Monaten im Tinyhouse, wobei die Umzugsphase lange andauerte. Noch heute ist es so, dass ich ab und an in meiner alten Wohnung im Haus meiner Eltern ein Tag verbringe. Da ich gerade Abitur mache und damit noch zur Schule gehe, war der Umzug parallel dazu.

Wenn ich diverse Dinge erledige, wie z.b. noch die ein oder andere Abschlussleiste in der Werkstatt zu fertigen oder Instrumentalunterricht habe, der dichter am alten Zuhause stattfindet, dann habe ich noch ein zweites Zuhause. Mein Minimalisierungsprozess und damit Umzug ist also noch nicht komplett abgeschlossen. Auf dem Grundstück des Tinyhouses ist auch noch nicht alles fertig. Dafür fehlt mir jetzt in der Prüfungsphase einfach die Zeit. Anfang Sommer geht es dann konsequent weiter.

Viele Gründe warum ich mich dazu entschieden habe spiegeln sich in meiner Antwort der ersten Frage. Ich liebe die Natur und möchte Umweltbewusst leben, was durch das Tinyhouse eben nicht bedeutet, dass ich in ein Zelt ziehe oder auf jeglichen Komfort verzichte. Die Möglichkeit ein „normales“ Alltagsleben zu führen und dabei trotzdem Nachhaltig zu sein hat mich fasziniert, dieser Punkt wird in Zukunft mit Sicherheit sehr wichtig. Was heute noch als Standard und Konventionell gilt, ist von nachhaltigem Wohnkonsum leider weit entfernt.

Für mich bedeutet außerdem der Minimalismus eine bessere Konzentration auf das, was mich wirklich erfüllt, nämlich nicht der überquellende Kleiderschrank oder der Ramsch, der sich so ansammelt, sondern menschliche Beziehungen und Konsum in Form von Erlebnissen und Erfahrungen. Minimalismus schafft eine gewisse Klarheit und Sorgenfreiheit, die einen auf tiefster Ebene glücklichen Alltag ermöglicht.

Eigentlich handelt es sich dabei für viele um eine ganz banale Abfolge. Weniger laufenden Kosten durch Miete, Strom, Wasser (Autarkie sei gedankt) folgt weniger Arbeit und damit mehr Zeit für Mitmenschen und Selbstverwirklichung. Beides ist für das Glück des Einzelnen glaube ich essenziell.

Niemand sagt auf dem Sterbebett „Ich wünschte ich hätte mehr gearbeitet, weniger Zeit mit meiner Familie verbracht und dafür noch ein wenig mehr Geld verdient“. Eine Palliativpflegerin hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie die häufigsten Erkenntnisse sammelt die Sterbende bereuen. Die Nummer eins ist „Ich wünschte ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“ und genau das mache ich mit dem Tinyhouse zur Zeit. Sicher werde ich nicht immer in einem Tinyhouse leben, aber gerade ist es das Richtige.

Und mein Tinyhouse ist nicht personifiziert. Es ist das „Tinyhouse Wanderlust“.

tiny House Wanderlust Innen
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Hast Du Dein Tiny House selbst gebaut?
An welche Herausforderungen erinnerst Du Dich im Speziellen?
Leopold:
Ich habe mein Tinyhouse komplett selbst gebaut, inklusive der Elektrik und anderer Haustechnik. Dem zu Grunde lag aber die wirklich intensive Recherche, das Einhalten von modernen Normen und Standards und auch die Rücksprache mit Fachkräften. Das Hauptproblem bestand wohl darin, dass jeder Fachmann zwar viel weiß und auch Tipps geben kann, da es sich bei meinem Tinyhouse aber um eines der ersten im europäischen Raum handelte und es dafür de facto keine Experten gab musste ich die endgültigen Entscheidungen doch selbst treffen.

Das kann von Zeit zu Zeit ein wenig nervenaufreibend sein, schließlich investiert man ja auch Geld in dieses Projekt, mit eventuell ungewissem Ausgang. Außerdem war die intensive Recherche auch für die theoretische Arbeit notwendig, was mir nun im Nachhinein einen großen Vorteil bringt, da ich tiefer eingestiegen bin als es für den reinen Bau des Tinyhouses notwendig gewesen wäre. Inzwischen kommen seit einem Jahr Leute zu Beratungen und ich arbeite an dem ersten Sachbuch zum Thema. Das macht gerade allerdings ein paar Monate Pause, Abitur sei Dank…

kleinerleben:
Was hat sich seit Du in einem Tiny House wohnst für Dich verändert? Was ist besser geworden, was vermisst Du?
Leopold:
Für mich hat sich nicht wirklich viel verändert. Ich gehe noch mal ein ganzes Stück bewusster durchs Leben wenn ich beispielsweise einkaufen gehe. Aber das ist dem Minimalismus geschuldet, der sich ja auch in einer größeren Wohnung umsetzen ließe. Ansonsten wohne ich nun dichter an der Schule, nicht mehr so weit ab vom Schuss auf dem Land. Das ist schon auch eine Erleichterung.

Ich vermisse nichts, außer vielleicht die unkomplizierte Möglichkeit auch im Winter viele Leute einzuladen. Bis zu 8 Leute funktionieren noch, aber mehr geht schlecht.

Das war ich früher anders gewohnt, wobei die Möglichkeit immer noch besteht, da die Wohnung im Haus meiner Eltern frei ist.

Tiny House Wanderlust Rohbau
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Würdest Du Dein Tiny House inzwischen anders bauen? Was würdest Du ändern?
Leopold:
Bis lang eigentlich nicht. Sicher bin ich nun schlauer was die Durchführung des Baus angeht und vermutlich würde ein komplett anderes Tinyhouse entstehen, müsste ich mir ein zweites bauen.
Jede Konstruktion hat so ihre Vor- und Nachteile, da das Tinyhouse jedoch so sehr individuell ist gibt es bislang keine Probleme.

kleinerleben:
Kannst Du Dir vorstellen mit einem Partner im Tiny House zu leben?
Leopold:
Absolut. Mein Tinyhouse war von Anfang an von „Zweien“ geplant und für „Zwei“ gebaut.
Was wohl hilft, ist eine gewisse Flexibilität was den Innenausbau anbelangt. Wer einzieht und merkt dass eine bestimmte Sache noch nicht so recht funktioniert oder dem Zusammenleben im Weg steht, kann es noch ändern.

Tiny House Wanderlust Außen
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Welche Herausforderungen bietet Dir das Tiny House Leben?
Leopold:
Ich sehe das Leben im Tinyhouse nicht als Herausforderung. Wohl wahr, dass es für viele eine wäre. Es ist eben nicht mehr Selbstverständlich sich aktiv ums Heizen im Winter zu kümmern oder einen bewussten Umgang mit Kompost, Komposttrenntoiletten und der eigenen Energiegewinnung zu haben. Wir sind ganz schön lebensfremd, wenn man bedenkt, dass der Strom eben aus der Steckdose, das Wasser aus dem Hahn, die Wärme per Knopfdruck kommt und unser Abwasser per Knopfdruck verschwindet. Insofern kann man behaupten, dass ein Tinyhouse wieder mehr Bewusstsein schafft. Mir war das vorher klar, ich hatte schon davor einen Lehmgrundofen, demnach beschränkt sich die Anpassung meines Alltags sehr.

kleinerleben:
Welche Quelle der Inspiration hast Du genutzt, wo hast Du Informationen für den Bau gefunden?

Leopold:
Ich habe das gesamte Internet durchpflügt. Inspiration findet man auf Youtube, Pinterest und Instagram, jedoch keine technische. Da jedoch eigentlich fast alles Wissen irgendwo im Internet vorhanden ist, geht auch das. Ich habe Universitätsforschungsberichte (Autarkie u. Ä.) gelesen, Normen und Standards durchgesehen (Elektrik etc.) aber auch ellenlange rechtliche Texte und Gesetze eingesehen. Auf rechtlicher Ebene befinden sich schließlich die größten Probleme der Tinyhouses. Des Weiteren finden sich Informationen in Büchern über Hausbau, Ökologie/Nachhaltigkeit und vieles mehr. Menschen vom Fach können natürlich auch als Informationsquelle dienen. Aber auch da sollte man nicht blind vertrauen sondern lieber mit ein paar zuverlässigen Quellen gegenprüfen.

Inzwischen finden sich viele spezifische Informationen zum Tinyhousebau im Internet, was bei Neulingen auch häufig Verwirrung stiftet. So langsam kristallisieren sich aber Personen, Hersteller und Informationen heraus, die wirklich hilfreich sind. Hätte ich so etwas gehabt, wäre vieles wohl einfacher gewesen. Allerdings verdanke ich diesem Informationsmangel die Weitreiche mit der ich an das Thema herangegangen bin und damit heute einen persönlichen Vorteil daraus ziehen kann.

Tiny House Wanderlust Innen
Bild © Leopold Tomaschek / Tinyhouse Wanderlust

kleinerleben:
Welchen Ratschlag hast Du für jemanden, der in einem Tiny House leben möchte?
Leopold:
Nicht entmutigen lassen wenn mal etwas nicht so ganz klappt. Wer im Tinyhouse leben möchte, sollte sich vorher bewusst sein was das für Ihn oder Sie bedeutet. Zu wissen was sich verändern wird im Alltag, wie man in Beziehungen damit umgeht oder einfach wo die Prioritäten liegen. Je besser man vorbereitet ist, desto einfacher wird der Umstieg.

Wer es nicht einfach mag, kommt mit ein paar Umwegen und meist um einiges schlauer natürlich auch ans Ziel 😉

kleinerleben:
Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast unsere Fragen zu beantworten.

 

Konnte dir Leopold mit seiner Erfahrung weiterhelfen? Hast du noch weitere Fragen an ihn? Lass es uns in den Kommentaren wissen.

Beitragsbild © Leopold Tomaschek/ Tinyhouse Wanderlust

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